Was ist ein Profi?

13. Februar 2014 § 4 Kommentare


TASPP. The Alex Schwarz Photographic ProjectsZugegebenermaßen habe ich lange hin und herüberlegt, ob ich etwas in dieser Art veröffentlichen soll. Sicherlich ist es bereits hundert mal geschehen  (auf mehr oder weniger objektive Weise), aber je mehr ich über dieses Thema in YouTube-Videos sehe und in Blogs lese, umso mehr zweifle ich oft am Verstand der Produzenten bzw. Autoren.

Seitdem Digitalkameras gerade im Spiegelreflexbereich erschwinglich geworden sind und auch Studioausrüstungen nicht mehr unbedingt einen kompletten Monatslohn an Investitionskosten bedingen, ist natürlich die Hemmschwelle der Anschaffungen erheblich gesunken. Foren und Marketingaktivitäten der Hersteller tun ein Übriges, um die Umsätze im Foto-Hardware-Bereich zu steigern und den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. So weit so gut, das ist Marktwirtschaft, damit – und vor allem davon – leben wir.

Das Internet als Verbreitungsplattform der eigenen bildhaften Ergüsse, sei es über Foren wie Modelkartei oder Fotocommunity, ist heute ein Kernbestandteil unserer Kultur und Wirtschaft. Meinungsbildung geschieht heute oft und zuerst genau über dieses Medium, was ich ja gerade hier selbst praktiziere, zugegebenermaßen.

Um zuerst einmal klarzustellen, woher ich berufsmäßig komme und warum ich mir anmaße, an dieser Stelle meinen Senf dazuzugeben, hier ein paar Fakten:

– 1984- 1987 Lehre als Schriftsetzer/Druckformhersteller, Bedienung der Reprokamera im SW-Bereich
– Danach bis 1994 Arbeit in diversen Druckereien in meinem Lernberuf
– Seit 1994 bis 2006 selbstständig als freier Dozent, Mediengestalter Print und Web, sowie Fotograf
– Danach als Werbetechniker, Mediengestalter und Fotograf in Festanstellung tätig
– Heute selbstständig als künstlerischer freischaffender Fotograf mit eigenem Studio

Das ist mein Werdegang, in welchem ich die digitale Revolution durch den PC, den Aufstieg des Internets in Deutschland und den Beginn der digitalen Fotografie miterlebte und hard- sowie softwareseitig immer am Puls der Zeit sein musste, denn ich muss schließlich auch heute davon leben, und das macht mich daher zum Profi. Obwohl ich den Beruf des Fotografen nie in einem Betrieb gelernt habe. Und das ist per se auch meine Definition vom Profi: Profi ist der, der in seinem Bereich von seinem Schaffen lebt! Übrigens: Meine fotografischen Fähigkeiten erarbeitete ich mir auf alten analogen Spiegelreflexen. Ein Name: Zum Beispiel Zenit 12XP.

Was brauche ich jetzt dafür? Die weitverbreitete Meinung ist, dass die technische Ausstattung den Profi charakterisiert. Dem widerspreche ich kategorisch und kann das sogar zeitgemäß belegen. Ich persönlich sage: Ich brauche nur die Technik, mit der ich meine beruflichen Ziele in einer Qualität, die meine Kunden auch kaufen wollen, erreichen kann. Mehr nicht. Aus vielen Beispielen greife ich mir eines heraus, das exemplarisch ist. Ella Manor ist in den USA eine bekannte Fashion-Fotografin. In ihrem Video Making of Powerhouse sieht man, wie und mit was sie arbeitet. Wer das jetzt nicht identifizieren kann: Sie machte ihre Bilder damals mit einer D90, einer kleinen Nikon Consumer-DSLR-Kamera. Zu dem Zeitpunkt der Entstehung des Videos gab es schon lange sehr viel bessere und anspruchsvollere teuere Technik. Ihre selbst gedrehten Videos filmte sie übrigens mit kleinen Panasonic-Knipsen. Die junge Dame verdient wirklich genug Geld, um sich „das Beste“ leisten zu können. Was will uns das sagen? Ist sie kein Profi? Sind es Werbeverträge? Mit Panasonic damals ja, mit Nikon nein.

Neulich traf ich einen Bekannten, einen jungen angehenden Fotografen. Der fragte mich dann, mit welchen Blitzen ich im Studio fotografiere. Seit Jahren schon arbeite ich mit Walimex-Technik. Die hatte ich damals sehr günstig erwerben können und war eigentlich nur von meiner Seite dafür vorgesehen, um mich mit der Studio-Blitztechnik vertraut zu machen. Danach wollte ich weiter investieren in Profoto oder Ähnliches. Aber das Material funktioniert, und es gab nie eine wirkliche Notwendigkeit, zu wechseln. Walimex ist hoch verschrien, vor allem unter Möchtegern-Profis. Wie dem auch sei: Als er das gehört hatte, ratterte er die ganzen Foren-Sprüche Wort für Wort herunter, die auf Testberichten beruhen, in denen derartiges Gerät mit Technik verglichen wird, die von High-End-Fashion-Fotografen benutzt wird. Die dann bei einem Shooting über 10 Stunden hinweg 4000 Aufnahmen machen. Die brauchen natürlich Gerät mit asolut konstanter Farbtemperatur, weil sonst die Nachbearbeitung Tage dauern würde. Die brauchen eine 4000stel Abbrennzeit, um Luftsprünge der Models einfrieren zu können.
Er selbst hatte aber noch nie mit Studiotechnik gearbeitet und wusste auch nicht wirklich, was seine Negativ-Kritik technisch überhaupt für Auswirkungen hat oder hätte. Und genau das ist das Problem an der ganzen Geschichte 😉 Halbwissen.

Kein Kunde beschwerte sich jemals bei mir über minimale Schwankungen in der Farbtemperatur. Ich schieße auch lieber nur in einer Einstellung 3 gute Bilder als 300 Serienfotos, aus denen ich dann stundenlang auswählen muss. Ich verkaufe meine Bilder, und mein Kundenstamm wächst kontinuierlich. Keiner fragt nach meiner Technik, alle wollen nur tolle Ergebnisse sehen. Und ich muss diese Ergebnisse vor allem auch nach langer Zeit noch reproduzieren können! Ich gehe übrigens sehr sorgfältig mit meinem Gerät um, und pflege es regelmäßig. Daher halten auch meine billigsten Stative noch nach 5 Jahren und: Sie sehen noch fast wie neu aus. Ich brauche keine C-Stands aus Stahl, denn ich schmeiße meine Alu-Stative nicht in der Gegend herum, so dass sie eindellen und nicht mehr zu benutzen sind. Und solange ich mit meiner D7000 Fotos mache, auf denen jede Pore der Haut zu erkennen und jedes Haar klar definiert ist, investiere ich nicht in Vollformattechnik, nur um ein Quentchen mehr an Schärfentiefe-Kontrolle zu erhalten oder eine Bildqualität bei ISO 1600, nach der keiner meiner Kunden fragt … Oder um ein fettes Teil in der Hand zu halten …

Wer hat da auch eine Meinung? Ich wäre gespannt 😉

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§ 4 Antworten auf Was ist ein Profi?

  • Martina Roth sagt:

    Einfach nur: Jawohl, stimmt! Ähnliche Erfahrungen habe ich auch gemacht.

  • Ich sehe das auch so. Ein Amateur mit einer 1DX und sonstwas einer Ausrüstung bleibt ein Amateur. Ein Profi definiert sich genau dadurch, dass er es hauptberuflich macht – egal mit welcher Ausrüstung.

    Übrigens sagt das auch nichts über die Bildqualität aus. Ich habe schon genug Profis gesehen, die bescheidene Bilder abliefern – und Amateure/Hobbyisten, die hervorragend Bilder abliefern. Das Wort Profi steht also in keinem Bezug zu vermeintlich guten Bildern.

  • László sagt:

    Das hast Du prima zusammengefasst Alex, dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen!
    Außer vieleicht als Negativdefinition: Personen die ihr Können über die verwendete Technik definieren sind niemals Profis 🙂

  • Stefan P sagt:

    Kommentar: dem stimme ich nur zu gerne voll und ganz zu!

    ich „durfte“ mich vor 10 jahren selbständig machen, hatte kein geld zum investieren um „mal eben“ ne komplette ausrüstung zu kaufen, sondern ich hab mich mit nichts ausser meinem wissen und können auf den weg gemacht und mir von jedem erwirtschafteten euro neues equipment gekauft (meistens auslaufmodelle oder gebrauchte objektive!) und so hab ich mich im laufe der jahre „hochgearbeitet“
    ich bin in der lage ohne die allerneueste technik (die zugegebenermaßen sehr viel spaß machen kann, aber nicht zwingend muß!) meine auftraggeber zufrieden zu stellen und ich verfahre seit jahren equipmenttechnisch nach dem motto „so gut wie nötig – nicht so gut wie möglich“ – denn dann hätte ich niemals begonnen, zu fotografieren, sondern würde wohl immernoch sparen, um „das beste“ kaufen zu können

    gelernt hab ich, wie du, in der guten altern (ja, das war sie !) analogzeit
    ich hatte das glück, mit jedem erdenklichen kamerasystem arbeiten zu dürfen und weiß, das es „das beste“ system nicht gibt, ebemnsowenig, wie „das beste“ auto, auch wenn der ADAC was anderes propagiert 😉

    technik ist mittel zum zweck und wer damit nicht umgehen kann, dem nützt auch eine 10000€ kamera nix – ich denke, der johann lafer kann auch mit einem 5€ topf besser kochen, als ich in ner 15k € küche 😉

    ach ja…

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